Gründerzeitung, Ausgabe 3/2002, Hintergründe

Nach erfolgreichem Management Buy Out geht es beim Erkelenzer Bohrspezialisten WIRTH wieder bergauf
Licht am Ende des Tunnels

Niko Kleuters ist bester Laune. "In unserer Firma nennt man uns die ‚drei K'", sagt der Manager. Neben seinem Bruder Christoph Kleuters und Wilfried Kroppen ist er Geschäftsführer der WIRTH Gruppe. Zu ihr gehören neben der Erkelenzer WIRTH - Maschinen und Bohrgeräte GmbH mehrere Spezialfirmen für Bohrtechnik. Das Stammhaus, seit 1897 in Erkelenz ansässig, hat eine wechselvolle Vergangenheit. Erst als die "drei K" (Kleuters, Kleuters, Kroppen) 1999 nach lang anhaltenden Krisen das Ruder bei WIRTH übernahmen, geht es wieder aufwärts. Ein so genanntes Management Buy Out eröffnete Niko und Christoph Kleuters sowie Wilfried Kroppen die Chance, das Unternehmen neu zu positionieren und die verbliebenen Arbeitsplätze zu sichern. Eine Herkules-Aufgabe, die die drei mit Entschlossenheit angepackt haben. Treibende Kraft ist Niko Kleuters, seit 24 Jahren bei WIRTH beschäftigt und seit 1997 Geschäftsführer.

Kleuters stammt aus Geilenkirchen, ist mit sieben Geschwistern auf dem Bauernhof seiner Eltern aufgewachsen. "Alle haben sich beruflich erfolgreich durchgebissen", sagt er. Kleuters' Berufsweg begann bei der Firma Schlafhorst in Übach-Palenberg, wo er eine Lehre als Werkzeugmacher absolvierte und seine Leidenschaft für die Leichtathletik entdeckte. Danach Fachoberschule, Bundeswehr. Kleuters fuhr auf dem Zerstörer "Lütjens" der Bundesmarine zur See. 1978 nach seinem Studium für Landmaschinenbau bewarb sich der damals 25jährige bei der WIRTH GmbH und wurde als Konstrukteur im Bereich Tunnelbohrmaschinen in Erkelenz eingestellt. Fast 1.200 Mitarbeiter waren zu diesem Zeitpunkt bei WIRTH beschäftigt. Ein Jahr zuvor hatte die Otto Wolff AG alle Anteile an dem Unternehmen übernommen und die Firma in den Konzern eingegliedert. Im Rahmen einer Straffung und Konzentration der Unternehmensaktivitäten wurden mehrere Geschäftsbereiche, darunter die Konstruktion und Produktion von Adjustage- und Werkzeugmaschinen, aufgegeben, das Kerngeschäft im Bohrgerätebereich dagegen intensiviert.

Anfang der 80er Jahre arbeitete Niko Kleuters rund zwei Jahre lang bei der WIRTH-Tochtergesellschaft "Transbor" als "technischer Delegierter" in Südafrika. Das Unternehmen rüstete Gold- und Diamantenkonzerne am Kap mit Bohr- und Förderequipment aus. Kleuters deckte Unregelmäßigkeiten in der Geschäftsführung auf, thematisierte sie. "Durch meine Gradlinigkeit habe ich mir eine Menge Probleme eingehandelt", erinnert sich der Diplomingenieur. Es kam zum Konflikt mit dem Management. Als weitere Auslandsstandorte der WIRTH-Gruppe in wirtschaftliche Turbulenzen gerieten und sich in anderen Unternehmen des Otto-Wolff-Konzerns Krisensymptome zeigten, beschloss die Kölner Aktiengesellschaft, WIRTH zu verkaufen. Die Howden Group plc mit Sitz und Produktionsstätten in Glasgow übernahm 1989 die Traditionsfirma. Ein Jahr später wurde Niko Kleuters Konstruktionsleiter für Tunnelbohrmaschinen. "Den Zeichentisch habe ich zur Verwunderung meines damaligen Chefs nicht in mein Büro mitgenommen", sagt er. "Ich sah meinen Job darin, Aufgaben zu delegieren und nicht allein vor mich hin zu arbeiten".

In dieser Zeit erhielt Howden einen Großauftrag aus Skandinavien. Tunnelbohrmaschinen und Ausrüstung im Wert über 65 Millionen Euro sollten die Engländer nach Dänemark liefern. WIRTH war als Zulieferer mit einem Auftragsvolumen über 20 Millionen Euro beteiligt. Als technische Probleme auftraten verprellte Howden den dänischen Auftraggeber. "Die Engländer haben den Kunden schlicht und ergreifend im Stich gelassen", empört sich Niko Kleuters, damals Projektmanager. In Erkelenz wollte man das Desaster nicht hinnehmen, legte sich mit der Konzernspitze in Glasgow an. "Von da an waren wir das ungeliebte Kind bei Howden", so Kleuters. In dieser Konstellation wurde es immer schwieriger, Aufträge zu akquirieren. WIRTH musste Personal abbauen. Nach drei Sozialplänen blieben 1993 von den einst 1.200 Mitarbeitern nur noch 700 übrig. Als vier Jahre später der Howden-Konzern in die Krise geriet und der Aktienkurs deutlich einbrach, übernahm die Charter plc, London, das ebenfalls an der Londoner Börse notierte Unternehmen. "Charter war nur an einem Teilbereich der Howden-Gruppe interessiert", sagt Niko Kleuters, der im gleichen Jahr von Charter plc in die Geschäftsführung bei WIRTH berufen wurde: "Alle übrigen Firmen, darunter auch das Erkelenzer Unternehmen sollten kurzfristig verkauft werden". Kleuters verhandelte damals mit potenziellen Käufern. Ein Agreement kam nicht zustande, auch deshalb, weil fast ausschließlich Interesse an Teilbereichen der Firma WIRTH bestand, was den Standort Erkelenz in Frage gestellt hätte. Die Kosten summierten sich, "und die Controller bei Charter wurden immer nervöser", sagt Niko Kleuters. Im Rahmen eines weiteren Sozialplans schrumpfte die Mitarbeiterzahl bei WIRTH abermals von 630 auf 520. Schließlich sah sich Charter vor der Alternative: entweder WIRTH mit hohem finanziellen Aufwand zu liquidieren - oder "anderweitig loszuwerden". In dieser Situation unterbreitete der Charter-Vorstand Niko Kleuters den Vorschlag des Management Buy Outs. Kleuters, sein Bruder Christoph, der als selbstständiger Steuerberater auch unternehmensberatend tätig war, sowie Wilfried Kroppen, damals Abteilungsleiter bei WIRTH, gründeten im ersten Schritt eine GbR. Charter unterstützte das Vorhaben mit einer dem Finanzbedarf angepassten Bürgschaft. Am 12. März 1999 war das Geschäft perfekt. Die drei K's und die Mannschaft krempelten die Ärmel hoch und begannen die Konsolidierung und Restrukturierung des Unternehmens. Rasch konnten neue Aufträge akquiriert werden, da die Produkte von WIRTH aufgrund hoher Qualität international exzellenten Ruf besitzen und das Vertrauen der Kunden in die "Bohr" zurückkehrte.

Während das Unternehmen 1999 einen Umsatz von 60 Millionen Euro verzeichnete, waren es 2001 fast 100 Millionen Euro. Für das Jahr 2002 beträgt die Umsatzprognose 115 Millionen Euro. Für die mittlerweile formierte WIRTH-Gruppe wird ein Umsatz von über 150 Millionen Euro erwartet. Insgesamt sind derzeit mehr als 800 Arbeitnehmer, darunter 120 Konstrukteure, weltweit für WIRTH tätig.

Im November 2001 wurde das ehemals zu einem französischen Staatskonzern gehörende Unternehmen NFM Technologies in die WIRTH-Gruppe eingegliedert. Seitdem bietet WIRTH am Weltmarkt die umfangreichste Produktpalette für bohrtechnische Ausrüstung und Maschinensysteme an. Insbesondere verfügt sie im Segment Tunnelbohrmaschinen über die komplette Produktpalette von 20 Zentimetern bis 15 Metern Bohrdurchmesser sowohl für Hart- und Weichgestein. Ebenfalls genießt WIRTH einen weltweit erstklassigen Ruf als Ausrüster von Explorations-Ölbohrplattformen; weitere erfolgreiche Aktivitäten liegen in den Bereichen Gründungsbohrtechnik sowie Bergbau. "Wir beliefern Kunden in aller Welt und freuen uns, dass sie mit unseren Produkten zufrieden sind", meint Niko Kleuters. Gradlinig will er mit seinen Kollegen in der Geschäftsführung den Erfolgskurs des Unternehmens fortsetzen und aus der stark gebeutelten "Bohr" wieder eine Perle mit sicheren Arbeitsplätzen machen.

Udo Foerster