Gründerzeitung, Ausgabe 1/2005, Gründer im Porträt

Dr. Ahmet Lokurlu erhält für bahnbrechende Umwelt-Technologie im April den "Energy Globe Award"
Auf dem Weg ins Solicon Valley

Dr. Ahmet Lokurlu ist nicht unzufrieden. Mit einem neuartigen Verfahren gelang es dem promovierten Ingenieur, eines der größten Probleme der Energietechnik zu lösen. Der 40-jährige Gründer des Aachener Solartechnik-Unternehmens "Solitem" entwickelte spezielle Parabolkollektoren, die konventionellen Systemen deutlich überlegen sind. "Mit unserer Anlage konnten wir den Gesamtwirkungsgrad beziehungsweise die Ausbeute aus Sonnenenergie fast verdreifachen", erklärt er. Lokurlus System benötigt dabei nur ein Drittel des Platzes herkömmlicher Anlagen und funktioniert - charakteristisch für reine Solaranlagen - ganz ohne Kohlendioxid-Ausstoß und ist damit absolut umweltfreundlich. Für sein Pilotprojekt wird Lokurlu im April mit dem "Energy Globe Award 2004", dem weltweit renommiertesten Umweltpreis, ausgezeichnet. Die Presse jubelt. "Weltklasse! Umwelt-Oscar geht ins Rheinland", titelte der Kölner Express. Und die Aachener Zeitung schrieb: "Aachener zapft Sonne an und erhält Umwelt-Oscar." Auch Glückwünsche aus dem NRW-Umweltministerium durften nicht fehlen. "Sie tragen dazu bei, den Wirtschaftsstandort Nordrhein-Westfalen zu sichern und auszubauen", schrieb Dr. Axel Horstmann, Minister für Verkehr, Energie und Landesplanung des Landes Nordrhein-Westfalen, Lokurlu im Dezember 2004.

Den Beweis für die Innovationskraft seiner als bahnbrechend geltenden Technologie trat Dr. Lokurlu im Urlaubshotel "Sarigerme Park" im türkischen Dalaman an. Die von ihm konstruierten Sonnenkollektoren erzeugen dort Temperaturen bis zu 200 Grad, produzieren Wasserdampf für die Wäscherei, versorgen Küche und Hotelzimmer mit heißem Wasser und bilden die technische Grundlage zum Betrieb der Klimaanlage - und zwar mit 60 Prozent weniger Energieaufwand als bei herkömmlichen Kältesystemen.

Für das Projekt wurde der Aachener Wissenschaftler und Unternehmer im September 2004 bereits mit dem zum dritten Mal verliehenen R.I.O.-Umweltpreis der Aachener Kathy-Beys-Stiftung ausgezeichnet. Das Kürzel R.I.O. steht für "Ressourcen Input Optimierung". "Weniger Material- und Energieeinsatz bedeuten weniger Kosten für den Kunden. Wer hier Quantensprünge schafft, hat einen klaren Wettbewerbsvorteil", erklärte Klaus Dosch, Wissenschaftlicher Projektleiter der Stiftung Kathy Beys. Angesichts Einschätzungen dieser Art eröffnen sich für Ahmet Lokurlu auch ökonomisch hervorragende Perspektiven: Interessenten aus aller Welt stehen inzwischen Schlange. Anfragen nach maßgeschneiderten Projektlösungen, Kooperationen und Unternehmensbeteiligungen kommen aus Australien, Ostasien, Südeuropa und den arabischen Staaten. Zunächst jedoch möchte Lokurlu den südeuropäischen Markt erschließen beziehungsweise die Nachfrage aus dem Nahen Osten bedienen.

Hierzu werden demnächst sechs Mitarbeiter Lokurlus High-Tech-Energiesysteme entwickeln. In seiner 2002 gegründeten Zweigniederlassung in der Türkei montieren zehn Mitarbeiter kostengünstig die Komponenten und führen preiswert die Endmontage beim Kunden aus.

Obwohl Lokurlus Solartechnologie weltweit für Furore sorgt, sieht sich der Pionier nicht einseitig dieser Disziplin verhaftet. "Die Kunst ist es, auf die jeweiligen Anforderungen hin, maßgeschneiderte, kombinierte Systeme zu entwickeln", berichtet er. "Wenn es Sinn macht, zusätzliche Energie aus Biomasse zu gewinnen oder konventionelle Anlagen wie erdgasbetriebene BHKW-Anlagen in das Projekt einzubinden, sollten wir das realisieren", sagt er. Auch die Integration zeitgemäßer, energiesparender Gas- oder Ölbrenner trage im Rahmen seiner Konzepte dazu bei, den Gesamtsystemwirkungsgrad erheblich zu erhöhen. Energietechnik interdisziplinär betrachtet ist sein Erfolgsrezept.

Ahmet Lokurlu, geboren in der Stadt Kars, im Nordosten der Türkei, kam 1988 als studierter Maschinenbau-Ingenieur aus der Türkei nach Deutschland. In Essen studierte er Energie- und Verfahrenstechnik und verbrachte anschließend elf Monate an der Akademie der Wissenschaften in Minsk/Weißrussland. 1993 kehrte er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an die Universität im Ruhrgebiet zurück und begann 1994 an der RWTH Aachen ein Aufbaustudium als Wirtschaftsingenieur. Vier Jahre später, nach seiner Promotion wechselte er ans Forschungszentrum Jülich, wo er sich zunächst mit der Entwicklung von Brennstoffzellen beschäftigte. Heute ist die weltweite Koordination von Forschungsprojekten auf diesem Gebiet sein Thema.

1999 gründete er - mit Sondergenehmigung seines Arbeitgebers - die Solitem GmbH mit Sitz im Technologiezentrum am Aachener Europaplatz. Gern nahm er die betriebswirtschaftliche Beratung von Frau Havva Coskun von der AGIT in Anspruch, die zahlreiche technologieorientierte Gründer beim erfolgreichen Aufbau ihrer Geschäfte unterstützt.

Lokurlu, der im Gespräch sehr ausgeglichen wirkt, arbeitet täglich von sechs Uhr morgens bis 22:00 Uhr abends. Auch am Wochenende.

"Für mich ist es wichtig, dass ich mich bei der Arbeit wohl fühle", sagt er. Entsprechend legt er großen Wert auf guten Umgang mit seinen Mitarbeitern. Dass seine Mitarbeiter in Deutschland und der Türkei ebenfalls kollegial zusammenarbeiten und alle an einem Strang ziehen, ist für ihn selbstverständlich. "Wenn ich jemanden einstelle, spielt für mich die soziale Komponente eine herausragende Rolle", sagt er. "Hätte ich die Wahl zwischen einem ich-bezogenen Topp-Spezialisten oder einem teamorientierten, aber fachlich weniger versierten Mitarbeiter, würde ich mich immer für den zweiten entscheiden", so der Unternehmer. Fazit: Ein harmonierendes Team leistet am Ende mehr als fachliche Überflieger auf dem Ego-Tripp.

Neben seinen geschäftlichen und beruflichen Aktivitäten beschäftigt sich der Ausnahme-Wissenschaftler mit philosophischen Themen. Seine zweite Dissertation ist auf dem Gebiet der evolutionären Ethik angesiedelt. "Sind wir Sklaven unserer Gene - ist die Frage, die ich immer wieder stelle und die ich im Rahmen meiner Arbeit diskutieren möchte", sagt er.

Dr. Lokurlu ist nicht der einzige, der derzeit mit dem Thema Solartechnologie in der Euregio für Schlagzeilen sorgt. So hat die Firma Solland GmbH, ein niederländisch-deutsches Joint-Venture, mit den Vorarbeiten zum Bau einer Fabrik zur Herstellung von Solarkollektoren im grenzübergreifenden Science and Business Park Avantis begonnen. Die Schaffung von 200 Arbeitsplätzen ist geplant. Entsteht zwischen Aachen und Heerlen Europas Solicon Valley?

Dr. Ahmet Lokurlu jedenfalls wird am 27. April auf der EXPO 2005 im japanischen Aichi nahe Tokio den "Energy Globe Award" entgegennehmen - aus den Händen des kalifornischen Gouverneurs und ehemaligen Action-Darstellers Arnold Schwarzenegger.

Udo Förster