Gründerzeitung, Ausgabe 1/2008, Branchentrends

Der Heimtiermarkt boomt wie nie zuvor - Vor allem Nischenanbieter profitieren von diesem Trend - Hundesofas für Harrods in London

Hund, Katze, Maus: Tiere sind im Trend. Und mit ihrer immer größer werdenden Zahl wächst der Markt für Heimtierbedarf in Deutschland. Ein paar Fakten: Lebten 1992 bei uns erst 4,1 Millionen Hunde, stieg deren Anzahl 2006 auf 5,3 Millionen. Die Zahl der Katzen nahm im gleichen Zeitraum von sechs Millionen auf 7,8 Millionen Tiere zu. Darüber hinaus bevölkerten 1992 rund drei Millionen Kleintiere - Hamster, Mäuse, Kaninchen und andere pelzige Gesellen deutsche Wohnstuben. Im Jahr 2006 waren es nach einer Studie des Industrieverbands Heimtierbedarf (IVH) e.V. bereits 6,3 Millionen, was einem Zuwachs von mehr als 100 Prozent entspricht. Hinzu kommen 2006 3,8 Millionen Ziervögel sowie 2,37 Millionen Terrarien und Aquarien inklusive schwimmender und kriechender Einwohnerschaft. Nach Auskunft des Verbandes werden in jedem dritten deutschen Haushalt Tiere gehalten, was einer Gesamtzahl - ohne Zierfische und Terrarienbewohner - von 23,2 Millionen entspricht. Der Gesamtmarkt für Tiernahrung sowie Bedarfsartikel und Zubehör hatte 2006 ein Volumen von rund 3,15 Milliarden Euro.

In kleiner werdenden Familien gewinnt das Tier an Bedeutung

Gleich fünf Unternehmen in der Region, alle im Kreis Heinsberg gegründet, profitieren besonders von diesem Trend. Spitzenreiter ist die Fressnapf Tiernahrungs GmbH, ein Franchise-Unternehmen, dessen Zentrale heute in Krefeld ansässig ist. Mit 900 Märkten (Stand: Oktober 2007) sowie rund 4.600 Mitarbeitern in Europa ist Fressnapf, 1990 vom damals 24-jährigen Torsten Toeller in Erkelenz gegründet, heute größte Discountkette für Tiernahrung und -zubehör. Im Jahr 2006 betrug deren Umsatz über 800 Millionen Euro.

Doch wie entwickelt sich der Markt insgesamt? "Wir gehen von einer steigenden Tendenz aus", prognostiziert Michaela Ravnak-Bürschgens. Sie ist Geschäftsführerin der Sera GmbH, spezialisiert auf Entwicklung und Vertrieb hochwertiger Produkte für die Haltung von Zierfischen, Schildkröten, Wüsten- und Regenwaldbewohnern in Terrarien, Teichen und Aquarien. 1970 gründete ihr Vater Josef Ravnak in Heinsberg die Firma, die heute 170 Mitarbeiter beschäftigt. "In einer Zeit, in der die Familien immer kleiner werden, gewinnt das Haustier erheblich an Bedeutung", sagt die Unternehmerin: "Daher gehen wir von einem weiterhin wachsenden Markt aus." Auch für Existenzgründer im Bereich "Handel und Dienstleistung" rund um das Tier sieht sie Perspektiven. "Eine gut sortierte Zoofachhandlung findet nach wie vor treue Kunden", hält sie fest. Auch für den Dienstleistungssektor prognostiziert sie eine positive Entwicklung. "Für viele allein lebende Menschen gilt das Tier als Partnerersatz. Deshalb geben sie viel Geld aus, weil ihnen das Wohlergehen ihrer Lieblinge am Herzen liegt", konstatiert sie. Auch qualifizierter Rat im Umgang mit dem Tier sei daher besonders wichtig. Ebenfalls ansässig in Heinsberg: Dr. Alder's Tiernahrung, gegründet 1978 und heute mit rund 100 Mitarbeitern an mittlerweile zwei Standorten vertreten. Das Unternehmen produziert Nass- und Trockenfutter sowie so genannte Nahrungsergänzungsmittel für Hunde und Katzen.

Daneben gibt es weitere Anbieter, die in Marktnischen äußerst erfolgreich sind. Spezialisiert auf den Bedarf für den Katzenfreund hat sich die Clevercat Katzenartikel GmbH in Wegberg - führend im Bereich Klettermöbel.

Beim Pussy-Versand bleibt kein Wunsch des Katzenfreundes offen

Seit 2004 leitet Stefan Klever, Neffe des Unternehmensgründers Lorenz Klever, das Unternehmen, gegründet 1975. Mit 18 Beschäftigten und zehn Aushilfen betreibt er unter anderem den "Pussy-Versand", bei dem kein Wunsch des Katzenfreundes offen bleibt. Die Philosophie lautet: "Kratzbäume nach Maß". Denn der Kunde kann sich einen Kletterbaum für den Stubentiger nach Wunsch anfertigen lassen. "Die Geschäftsidee mit den Klettermöbeln stammt ursprünglich von meiner Tante", berichtet der 41-jährige Diplom-Ingenieur, der in Mönchengladbach an der Fachhochschule Verfahrenstechnik studierte und nach dem Studium als Betriebsleiter in der Firma des Onkels tätig war. Tante Ingrid nämlich war in den 70er Jahren Preisrichterin bei Katzenausstellungen. Freunde der geschmeidigen Vierbeiner konfrontierten sie immer wieder mit dem Problem, dass die Tiere ihre Krallen am Mobiliar ihrer Besitzer schärften. "Daher kam sie auf die Idee, spezielle Kletterbäume zu entwickeln. Onkel Lorenz konstruierte und vermarktete die Produkte schließlich", berichtet Stefan Klever.

Die Grundlage für das Geschäft, das in Spitzenzeiten ab 1996 die Handelskette Fressnapf belieferte und 40 Mitarbeiter beschäftigte. Nachdem Fressnapf 2006 entschied, die Produkte kostengünstiger in Fernost herstellen zulassen, kam der Einbruch, den Stefan Klever dank umsichtiger Geschäftspolitik überwinden konnte. 2007 betrug der Umsatz der Firma 3,5 Millionen Euro, und Stefan Klever hat bereits neue Geschäftsfelder im Visier. Gemeinsam mit zwei Partnerunternehmen will er einen Spezialversand für Liebhaber von Hund, Katze und Zierfisch gründen.

In Wagner's Papageien Paradies, Geilenkirchen, indes dreht sich fast alles um die gefiederten Exoten. Vor allem Volieren, Kletter- und großzügige Käfiganlagen vertreibt das 1996 von Michael Wagner im Alter von 23 Jahren gegründete Unternehmen. Seit seiner Jugend liebt und züchtet der gelernte Kaufmann Papageien. Als er zwei Jahre in den USA lebte, wurde ihm deutlich, wie viel Geld die Amerikaner für die Haltung der Tiere ausgeben. Aus den Staaten zurück gekehrt beschloss er, sich selbstständig zu machen. "Ich sah nur die Alternative, entweder in den Zuchtbereich einzusteigen oder Zubehör zu verkaufen", erinnert sich der heute 34-jährige.

Leider fand sich in Deutschland kein Produktionspartner

Vor allem der Vertrieb großer Volieren lag dem Gründer am Herzen, um den Tieren mehr Bewegungsfreiheit zu bieten. Als er dem Großhandel seine Idee präsentierte, erntete er nur ungläubiges Kopfschütteln. Auch fand sich in Deutschland kein Unternehmen für die Produktion der aufwändigen Vogelwohnungen. Wagner jedoch ließ sich nicht beirren, gründete seinen eigenen Versand und suchte sich Produzenten im Ausland. "In China, Mexiko, Polen und Tschechien lassen wir heute unsere Produkte fertigen, weil wir keinen Produktionspartner in Deutschland finden konnten", sagt er. Da der Markt für die Volieren und Kleintiergehege nicht mehr im bisher gewohnten Umfang wächst, halten Michael und Markus Wagner, Marketingleiter des Unternehmens mit derzeit 24 Mitarbeitern, nach neuen Geschäftsfeldern Ausschau. So gründeten sie in Geilenkirchen unter dem Namen "Family Zoo" ein Fachgeschäft für den anspruchsvollen Tierliebhaber, der kompetente Beratung schätzt. Der Ausbau zur Handelskette ist geplant. Ein zweites Geschäftsfeld eröffnet sich durch Produktion und Vertrieb hochwertiger Hundesofas und -betten unter dem Label "Wallace and Jones". In sechs Größen sind die exklusiven Liegegelegenheiten im Preisspektrum von 129 bis 399 Euro für den Vierbeiner erhältlich. Abnehmer sind Hundeboutiquen in Deutschland, vor allem aber ausländische Kunden - in den Niederlanden oder Großbritannien beispielsweise. "Unsere Produkte sind auch im Londoner Nobelkaufhaus Harrods zu finden", berichtet Markus Wagner nicht ohne Stolz.

Udo Förster